GEDICHTE

Das Titelbild dieser Seite verdankt sich einem meiner liebsten Gedichte von Reiner Kunze und wurde von Dania Isabella Graf künstlerisch umgesetzt. 

AUF DICH IM BLAUEN MANTEL 
(für Elisabeth)

Von neuem lese ich von vorn 
die häuserzeile suche

dich das blaue komma das
sinn gibt

Reiner Kunze

in: kunze, reiner (1990):
zimmerlautstärke. gedichte. Frankurt a. M.: S. Fischer, S. 61

Während der Entstehung meines Gedichts „Jetzt geht’s“ und auch des Songs „Wann kribbelt Dich Lebendigkeit“ hatte ich immer wieder das Bild, das Reiner Kunze mit seinen Zeilen „malt“, vor Augen.

neuJAhr

kein schnitt, ein schritt:

bewährtes
lasst seinen faden weiter in das leben weben.
verbrauchtes
aus haucht es.
neuem
öffnet herz und geist und sinn.

mit einem neuen JAhr
die weit’re zukunft wagen!

so ists an uns, als stete neuanfängerInnen
auch 2024 für unser menschsein zu gewinnen.

© Ulrike Graf, 01.01.2021/2023
(Audiodatei mit „2023“)

Am Fluss

Laternenmasten ragen in die Tiefe
Häuser nehmen kopfüber ein Bad
Pflanzen wurzeln weiter in der Erde – über ihnen
Wie siamesische Zwillinge gleiten Schiffe voran
Brückenbögen schließen ihre Kreise

Und der Blick des Schwans nach unten lockt ihn zum Schnabelkuss
an der Grenze von Wirklichkeit und abgetauchter Welt
die kräuselnd sich zeigt
je nach Wetterlage

© Ulrike Graf, 2023

Übergänge
Im Wald, März

Noch liegt der Hebst am Boden,
sorgen über braunem Teppich
kahle Äste für winterlichen Weitblick

bereits besetzt mit Zwitscherscharen,
die revierbewusst und lockend
sich allmorgendlich einsingen
für die erwachende Jahreszeit:

Frühlingsschwingungen,
durchweht von modrigem Geruch,
der aufsteigend einstimmt
in die Botschaft neuen Lebens.

© Ulrike Graf, März 2022, Kiel und Heidelberg

Miteinander 
oder: Konstanten im Wandel
Ein Straßenbild

Früher
führte er sie womöglich stolz
auf dem Sozius seiner glänzenden Maschine aus,
den Blick nach vorne,
die Lenker fest im Griff.

Jetzt
hat sie auf seinem Rollator Platz genommen,
die Beine etwas angehoben,
während er,
selbst einen Fuß nachziehend,
so behände wie möglich über das 
Kopfsteinpflaster der Innenstadt
schiebt.

Wie früher
sucht sie Halt, statt
mit um seinen Bauch geschlungenen Armen
jetzt, etwas in Habachtstellung,
an denselben Griffen,
auf die er sich stützt,
beide einander vis-a-vis.

Oder ist es umgekehrt?
Sie braucht den Rollator
und er darf sie chauffieren?

Und ihre Geschichte kann auch eine ganz andere sein …

(mit Dank an das anonym gebliebene Paar
für die kurze Zeitgenossenschaft in der Einkaufsstraße)

© Ulrike Graf, Kiel 2022

Lebenskunde in der Straßenbahn

Über den Gang rechts von mir
saß sie
vertieft in ein Gespräch mit ihrem Vis-à-vis,
eine Alte

Plötzlich, gestützt auf ihren Stock,
die Lehne hinter sich lassend,
richtete sich auf:

„Wenn jemand mir klagt,
er habe Langeweile,
es sei nichts los in seinem Leben,
so sage ich:
Nimm ein Blatt
Papier und schreibe …“

Ich spürte ihre Energie,
den ansteckenden Willen,
Leben nicht verstreichen zu lassen,
und fing an, im Geist
den Stift zu führen

mit Fragen,
die Fahrt in mir aufnahmen:

Was ist meine größte lange Weile?

Welche Antworten stellen mich nicht zufrieden?
Welche Frage wartet darauf, von mir gestellt zu werden?
Um welche Aufgabe schleiche ich schon lange herum?

Wann fühle ich mich belebt?
Was hat sich in meinem Leben schon erfüllt?
Wem gilt mein Dank? Und weiß er es?
Was rührt mein Herz?

Für wen lohnt sich eigentlich Ärger?
Welche Klage wiederhole ich,
bisher ohne erkennbaren Veränderungswillen?

Was macht mich frei?
Welcher Aufgabe diene ich?
Wofür nehme ich mir Zeit?
Wofür ist es an der Zeit?

Welche Verbindlichkeiten tragen mein Leben?
Woran hänge ich, das innerlich schon verabschiedet ist?
Was gilt es zu feiern?

So begannen Papier
und Leere sich zu füllen:
Freiraum

Ich markierte erste Antwortvorhaben,
innerlich
für heute

Schon beim Knopfdruck
Wagen hält beschwingt
trug ich
das neu Gewichtete
nachhause

© Ulrike Graf, 2020

Von wegen Stille
Musik lässt ihre Pausen
nicht im Nichts zurück.

Klage ohne Leid
meidet die Veränderung,
be-schwer-t das Leben.

Ich werde geliebt.
Passiv, dt., die Leideform,
meint die Grammatik.

Totes Meer, ich kann
auf dir nicht untergehen,
selbst wenn ich wollte.

Mit Sommerkleidung
die Geige auf den Schultern:
Schlüsselbein, du schwingst.

Yad Vashem: Rein? Raus?
Diese Toten folgen dir.
Ganz egal wohin.

Sechshundert Gramm Mensch
im künstlichen Uterus,
kämpfst ums Abkabeln.

Kurzsichtige Freude

Taschenlampe, Not-
Wendige, fängst mir nachts auch
Blütenfarben ein.

Enten auf dem Fluss
gründeln seicht, das Wasser schmatzt.
Still zieh’n sie weiter.

Jetzt geht‘s
oder: Wenn Trauer laufen lernt  (für D. G.)

Mein Bild von dir, es steckt im Rahmen fest.
Mit Macht drängt es hinaus, er kann es nicht mehr fassen.
Mein Leben braucht dich, braucht Ansichten von dir,
die selbst du kannst nicht mehr erzählen.

So nehme ich dein Bild in meine Hand,
will wie ein Fahnder finden Menschen, die Dich kannten,
als du die Erde noch mit uns geteilt,
bevor dein Leben plötzlich ausgelöscht
uns ließ zurück: Fassungslos
setzten wir dich auf dem Kaminsims fest.

Von dort brech’ ich jetzt auf
nehm‘ an die Hand mein Bild von Dir
wie du mich, damals, als ich das Laufen lernte.
Jahrzehnte später.
Jetzt geht‘s.

© Ulrike Graf, 2019/2020

Kleiner Osterunsinn

Es waren einmal ein Hase und ein Huhn,
an Ostern hatten sie viel zu tun.
Der Hase legte Eier,
das Huhn schlug Haken auf dem Feld …
Verkehrte Welt?
Auweia!

Schnell überließ der Has‘ sein Nest dem Huhn,
wollt‘ lieber seine Lampe leuchten lassen,
doch musst‘ er plötzlich ruhn.

Das Eierlegen hat ihn wohl erschöpft.
Allein wofür? Auf dass beim Sonntagsfrühstück jeder seines köpft?
Kaum gedacht, schon bald er schlief,
träumte vom Hasen im Nest mit Eiern als Tischmotiv.

Derweil das Huhn, es legt und legt und gackert vor sich hin:
Wie schön ists doch, dass ich mit mei’m Gelege
ein Höhepunkt beim Osterfrühstück bin!

Lasst uns für beide hoffen,
dass sie als Mittagessen bleiben unbetroffen.

© Ulrike Graf, 2020

Im Skulpturenraum

Torso

Kopflos?
Ohne Hand und Fuß?
Teil-weise Kunst
schRUMPF.

© Ulrike Graf, 2020

Auf einmal

Wölkchen
dieses Völkchen
besiedeln den Himmel

Das weiße Gewimmel
wird höher und breiter
bedeckt das Blau immer weiter

bis die Sonne verschwindet
es zunehmend windet
und Regen fällt

Auf atmet die Welt

© Ulrike Graf, 2023

Wenn der Herbst wieder kehrt

rascheln Blätter
in den Ecken der Betonmauern im Hinterhof

färben sich unter Laubbaumalleen
die Asphaltadern der Innenstädte
braungelb

fegen Windböen
durch sorgfältig aufgehäufte
Blätterberge

wirbelt ein vergessenes Blatt,
vom Sturm des Laubstaubsaugers gejagt,
zigmeterweit,
als wolle es der Lärmbelästigung entfliehen

findet sich das Vergehende
verdichtet am Straßenrand:
in Abfalltüten, Komposttonnen, Stadtpflegewagen

und ein Kind,
soeben ein Blatt vom Boden an den Ast zurückführend,
damit es das Leben wieder aufnähme,
beginnt vielleicht sie zu fassen:
die Unumkehrbarkeit des Lebens
im jahreszeitlich sich wiederholenden Abschied

Es ist Herbst

dankbar
wieder kehren
was nie wiederkehrt,

während in den
kahlen Baumgerippen Knospen
sich wölben

© Ulrike Graf, 2021

Abendspaziergang

Die Thermik
der milden Vollmondnacht
Ende September

dirigiert
in den Baumkronen der Platanenallee
den noch grünen Blättern
die Herstvorabendgeräuschesinfonie,
klirrend fast, zu weich noch das Zellgewebe,
trocken schon im Nachhall
läuten sie raschelnd den baldigen Abschied ein,

spielen das Lied der Hoffnung:
Auch die vergehen,
mischen sich in den Sound des Lebens,
als gäbe es kein Morgen ohne sie.

Wohl dem Echoraum

© Ulrike Graf, September/Oktober 2020

freiheit

du meer von bindungsangeboten
ich schwimm in dir
und suche land

die inseln, die du birgst,
heißen:
entscheidung

ich wähle eine, seh‘
im selben augenblick
die tausend anderen
für immer
unbetreten

ein nächster schritt steht an
ich zögere
und wäge ab:
wenn dies – so das – wenn dies – so das

die zeit vergeht
mein leben auch
und du entgleitest mir
in der enge der entscheidungslosigkeit
ich trete auf der stelle

freiheit

du tugend meiner füße
jeder schritt
er will gegangen sein
du bist so paradox
mit deinem zweiten namen:

bindung

zwingen – nein,
das tust du nicht
und drängst mich doch
mich festzulegen

erst dann wirst du erfahrbar
erst wenn ich sagen kann:
dies wenn ist ohne aber mein dass
öffnest du die unendliche weite
deiner gegenwart
grenzenlosigkeit strömt mir entgegen
umgeben von den selbstgewählten
ufern meiner inseln:

ich bin frei

mit leichtem blick
genieße ich die aussicht,
die mein stück land mir bietet
kostbarer lohn für alle
nicht ergriff‘nen möglichkeiten

ich gehe weiter
schritt für schritt
so wächst
entscheidung um entscheidung
das insel-mosaik meines lebens:

mein freiheitsweg

© Ulrike Graf, 1980er Jahre/2022

Dein Name

Und plötzlich bist du da,
eines von acht Milliarden Menschenwesen –
keinem gleich
in all den schon vergangenen Äonen.
Und sei getrost: Du wirst
auf alle Zeiten ohne Wiederholung sein.

Ein erster Akt: Dein Name wird dich individualisieren,
Geschichte schreiben in den Varianten seines Klangs,
dem Tonfall – je nach Lage des Gesprächs.

So wird er tragen mit den Jahren
einen Nachhall von
Liebkosung und Ermahnung,
Interesse, Aufruf und der Erfahrung:
Ich bin gemeint.

Programm, das kann er sein,
Verankerung in schon verblich’nen Generationen,
Bekenntnis elterlicher Zugehörigkeiten –
ob Religion, ob Nation –,
zuweilen Bürde, Last, auch Freiheit
und Entwurf, für den du eigne Wege öffnest:
All den Marias, Ayshes, Davids und Mohammeds
wirst Du ein neues Original hinzugesellen.

Doch zuvor wird er auch dir – im zweiten Akt –
ein Hadern nicht ersparen:
In den pubertären Jahren
wirst du ihn neu für dich gewinnen,

um ihn, von bislang fremden Menschen intoniert,
in Baumstämme zu ritzen und auf Schlösser zu gravieren –
an Brücken aufgehängt: ein Meilenstein
des Übergangs, lauschige Stunden nur als Zeugen.

 

Er wächst mir dir, im dritten Akt,
bleibt er dir treu,
wird alt mit dir,
erfährt vielleicht Veränderung in and’ren Sprachen.

Er rahmt dein Leben
zwischen Geburteninserat und Inschrift auf dem Grab.

Ein Nachklang, ja das wünsch’ ich dir
im vierten Akt, ein Nachklang
möge ihm beschieden sein,
wenn Menschen sich an dich erinnern
und das, was dich lebendig hält in den wertvollen Erfahrungen
mit dir,

sodass dein Name, millionenfach geteilt,
neu Singularität gewinnt für einen,
der plötzlich da ist –
ein weiterer von acht Milliarden plus eins,
und ansprechbar wird für den Ruf des Lebens an ihn
mit deinem, mit seinem Namen.

Lass rufen dich!

© Ulrike Graf, 2018

abschied 

es gibt unendlich viel zu sagen 
aussprechen will ich es,
bevor die trennung uns
auf andre weise neu verbindet
es ist soweit
ich steh vor dir und schau dich an –
und finde worte nicht, mich zu entäußern
was bleibt, spricht tief aus meinem innern:
beredet augen-blicke
ein fester händedruck
umarmungen und lautes schweigen
und manchmal eine träne
der rest ist aushalten

© Ulrike Graf, 1986, nach einem der vielen Besuche in der DDR
im Rahmen eines studentischen „Austausch“-Programms

Der Bogen

Der Bogen,
er ist ungelogen
der Kern vom Spiel
und aller Klangkunst Ziel.

Nicht nur die Länge ist zu streichen,
auch aus dem Winkel darf nicht weichen
das Pferdehaar mit seinen Widerhaken,
zum lock’ren Nacken hilft ein warmes Laken. 

Halb gestrichen, auf und nieder,
in die and’re Richtung wieder.
Wehe, wenn das Messen nun beginnt,
der Überblick im Hin und Her zerrinnt.

Zu rechnen gilt’s, als wäre Archimedes,
der eigentliche Geigenstar,
bewachte per Finger und nicht per pedes
jeden Zentimeter, wirklich wahr?

Nein, im Rechnen geht nicht auf die Kunst,
wie wohl Musik und Mathe sind verwandt,
erscheinen als Gaben vereint in einem Gewand
zu erhaschen des Publikums Gunst.

‘Von selbst‘ wenn der Bogen
bald gleitet voran,
gewogen den Noten
zeigt er, was er kann,

und teilt sich geschmeidig in Abschnitte ein:
Weil der Spieler geübt, das Haar kann sodann
in jedwede Richtung und Länge und Kürze
erklingen, wie einst es ersonnen
für die Komposition, die erklommen
der Klangfülle Gipfel, wohin sie gekommen
durch des Musikers offenes Ohr.

Der Bogen,
er dankt,
denn er umrankt
wohin die Töne ihn zogen

im Dienste am Text
des Komponisten, der wächst
hinauf und hinunter
im Tanz zwischen Himmel und Erde ganz munter
über sich hinaus,
noch bevor die Musik ist aus ihm raus.

Was die Pferdehaarehaken flüstern,
wenn sie ruh’n, die Spannung fallen lassen?
„Jeder von uns die Saiten küsst gern,
denn Liebe lässt nur in Berührtsein sich fassen.“

Vom Klang gesogen
bleibe uns gewogen
der Bogen.

© Ulrike Graf, 2016